Geschichte - Übersicht
Nach der Vorgeschichte, den Legenden und der frühen Geschichte des Landes beginnt eine dokumentierte Geschichtsschreibung Nepals im 4. Jahrhhundert n. Chr. Seit diesem Zeitpunkt ist eine Gliederung in acht große Epochen sinnvoll:
1. Die Zeit
der Licchavi
(ca. 350-750 n. Chr.)
2. Die Thakuri und
die frühen Malla
(ca. 750-1482)
3. Die drei
Malla-Reiche
(1482-1769)
4. Beginn der
Shah-Könige
(1769-1846)
5. Die Zeit der
Maharajas
(1846-1950)
6. Das Königreich
in der Neuzeit
(1950-2001)
8. Die Republik
Nepal heute
(ab 2008)
Vorgeschichte

Die Sintflut (Sündflut)

Aus der „Hari-Purana“: nachdem Brahma zwei der vollkommensten lebenden Wesen durch Sprache und Gewissen vor allen Geschöpfen ausgezeichnet nannte er das kraftvollere männliche Adima, das feinere weibliche nannte er Heva. Er gesellte Heva dem Adima zur gleichgestellten Genossin, nicht etwa zur Sklavin. Beiden wies er das reich gesegnete Taprobane (im südlichen Ceylon) zum Wohnsitze an. Die Nachkommen Adimas und Hevas aber vergaßen der göttlichen Gebote und versanken tief in Sünden. Allein die Familie des Vaivasvata lebte tugendhaft. Enttäuscht beschloss Shiva die Schöpfung wieder zu vernichten. Vishnu jedoch, der Gott der welterhaltenden Liebe, suchte die Familie des Vaivasvata vor dem Untergang zu bewahren. In der Gestalt eines Fisches schnellte er sich dem im Ganges badenden frommen Vaivasvata in die Hand und flehte, ihn vor seinen Verfolgern ins offene Meer zu retten. Mitleidsvoll erfüllte Vaivasvata des Fisches Wunsch. Zum Dank riet der Fisch, eine Arche mit Nahrungsmitteln bereit zu machen, und auch von jeder Tiergattung ein Paar sowie Sämerei jeglicher Art darin aufzunehmen. Als dann der Regen unendlich herabtroff, und alle Ufer verschwanden, und der riesige Nachen den Wogen zum Spielballe diente, erschien der ungeheuer gewachsene Fisch abermals als dem Vaivasvata. Dieser verknüpfte sein Schiff mit einem hornartigen Auswuchs des Fischkopfs. Nach langer Fahrt machte die Arche schließlich, als die Überschwemmung zu verrinnen begann, auf dem sich zuerst zeigenden Land halt. Und das war an den Bergrücken des Nepal-Himalaya. Die Insassen stiegen ans Land und mehrten sich rasch, denn Vaivasvata brauchte nur einen Stein in den See zu versenken, um einen neuen Bewohner zu schaffen! Vishnu aber lehrte der neuen, veredelten Menschheit den Acker-, Haus- und Tempelbau und schwamm wohlgemut als Fischlein davon, nachdem er den Brahmanen das Geheimnis vom Sinn und Grund der Erschaffung der Welt und den letzten Zusammenhang aller Dinge offenbart hatte. Doch zugleich hatte er, der „Geist über den Wassern“, der Retter der Menschheit, ihnen ewige, unverbrüchliche Verschwiegenheit auferlegt.
Dieser Artikel beschreibt die Herkunft der jüdischen Sintflut (altes Testament) aus der altindischen Quelle des Gedichts „Hari-Purana“)
Kathmandu, Hanuman Dhoka 1870 Kathmandu, Hanuman Dhoka 2005
Legenden

Die älteste Geschichte des Landes ist - wie so vieles in Nepal - eng mit Mythen und Legenden verbunden. Zwei Legenden zur Entstehung des Landes existieren:

Einst war das Kathmandu-Tal ein von Bergen und Wäldern umringter riesiger See, auf dessen Grund magische Schlangen und Fische lebten. Es wurde „Nag Hrad“ genannt, die Schlangengrube, und die Schlangen waren Drachenschlangen, die einen Schatz tief im See bewachten. Hierher kam Vipaswi, ein Buddha der Vorzeit, auf einer Pilgerfahrt und warf einen Lotussamen in den friedlichen See. Dabei sagte er voraus, dass an dieser Stelle eine heilige Stätte entstehen würde. Tausende von Jahren später sprang der Samen auf, die Erde erbebte, und auf dem See wuchs ein wunderschöner tausendblütiger Lotus mit Pollen aus Juwelen und wagenradgroßen goldenen Blättern. In der Mitte der Pflanze aber erschien das Licht Swayambhu, das Selbstgeborene und leuchtete mit einem blauen Licht transzendentaler Weisheit. Äonen gingen vorüber bis eines Tages der Bodhisattva Manjushri, der von dem Lotus gehört hatte, mit seinen beiden Frauen von China her über die Schneeberge kam. Manjusri setzte sich auf einen der Gipfel, von welchem er den See betrachten konnte. Da er jedoch sah, dass er sich dem Lotus nicht nähern konnte, beriet er sich mit Vajra Yogini, der Verkörperung der Muttergöttin Tara und fasste daraufhin einen radikalen Entschluss. Er ergriff sein Schwert und schlug mit einem einzigen gewaltigen Hieb gegen einen der Berge.
Manjusri in Tengboche Manjusri in Muktinath
Der Berg tat sich auf, und durch den Spalt flossen die riesigen Wassermengen des Sees. Die Schlucht aber, die durch seinen Schwerthieb entstand, ist die Chobar-Schlucht südwestlich von Kathmandu auf dem Weg nach Pharping und Dakshinkali. Mit dem Wasser flossen auch die im See lebenden Schlangen ab, mit Ausnahme von Kartotaka, dem König der Schlangen. Manjusri überredete ihn zu bleiben und über die Fruchtbarkeit des Tales und sein geheimnisvolles Licht zu wachen. Dafür machte er ihn zum Herren allen Reichtums des Kathmandu-Tals und richtete ihm den Taudaha-See ein (ca. 2 km südwestlich der Schlucht). Dort hütet Kartotaka noch heute seine Schätze - ein paar Tausend Jahre alt und quicklebendig.
Chobar Schlucht Taudaha-See
Auch das magische Licht leuchtete noch Jahrhunderte lang, bis ein buddhistischer Priester es in einem Loch versteckte, um es vor dem nahenden sündigen Zeitalter zu schützen. Er verdeckte das Licht mit einem Edelstein und errichtete darüber die Svayambhu-Stupa mit einer goldenen Spitze. Die Stupa, auf einem Hügel am westlichen Rand von Kathmandu gelegen, gehört zu den bedeutendsten Heiligtümern Nepals.
Svayambhunath-Stupa
Daniel Wright, 1877 Gustave Le Bon, 1885
In manchen Geschichten ist es nicht Manjusri, sondern Krishna selber, der die Berge mit einem Donnerkeil spaltete und somit dem Wasser einen Ausweg aus dem Tal schaffte. In beiden Versionen der Vorgeschichte des Kathmandu-Tals bauten die Menschen, die das Tal später betraten, ihre Stadt um ein Haus herum, das aus dem Stamm eines einzigen Baumes gebildet war. Es ist dies die Stadt Kathmandu, die um das Haus Kasthamandap gebaut wurde, welches noch heute am Durbar Square steht. Aus dem Lotus aber erwuchs schließlich der Stupa von Swayambunath. Der von Manjusri eingesetzte fromme Dharmakara aus Tibet wurde Nepals erster König.
Hanuman Gorakhnath Ganesha
Der Kasthamandap ist eines der ältesten Holzgebäude der ganzen Welt
Inzwischen bestätigen die Geologen, dass das Kathmandu-Tal einst ein großer See war - gespeist vom Wasser vieler hoher Berge im Norden. Und tatsächlich hat vor etwa 20.000 Jahren ein Erdbeben die Abgrenzung des Sees im Süden zerstört und zu einem Abfließen des Wassers geführt.

Die andere Legende berichtet von dem indischen Asketen Ne-Muni und dessen Begleiter, einem Guptaprinzen, der die Herrschaft im Kathmandu-Tal übernommen habe. Das Tal sei nach >Ne-Muni< benannt worden: >Ne-Pal<, >geliebt von Ne<.

Another legend tells:
Lord Krishna came to pay visit to Lord Shiva in his Pashupatinath area. Both of them were felicitated by local ascetic guru called Ne. Pleased, both Lords chanted in Sanskrit: “Ne, we nominate you the leading ascetic of this region. We name your present area Nepal.”
(Skanda Purana, Chapter “Nepal”)


Die beiden Legenden deuten darauf hin, wie sehr Nepal sowohl von Tibet im Norden als auch von Indien im Süden beeinflusst und geprägt wurde. Tatsächlich haben beide Nachbarn deutlich ihre Spuren im sozialen, religiösen und kulturellen Leben der Nepalesen hinterlassen. Umgekehrt gingen aber auch von Nepal Impulse, z. B. kulturelle oder architektonische, in diese Nachbarstaaten aus.

Wie schon die Manjusri-Legende zeigt, waren ursprünglich Nepal und das Kathmandu-Tal identisch. Heute noch sagen die Bergbewohner, wenn sie ins Kathmandu-Tal hinabsteigen „Ich gehe nach Nepal“. Auch eine dokumentierte Geschichtsschreibung Nepals kann bislang nur eine Darstellung der historischen Ereignisse im Kathmandu-Tal sein. Frühe Entwicklungen anderer Regionen sind noch nicht genügend untersucht worden.
Frühe Geschichte

Material aus der Steinzeit, welches in der Nähe von Budhanilkantha gefunden wurde, belegt eine frühe Besiedelung des Kathmandu-Tals (30.000 v. Chr.?). Zwischen diesen frühen Bewohnern und der späteren Bevölkerung lässt sich jedoch keine gesicherte Verbindung nachweisen. Die indischen Sanskrit-Epen Brahmana, Purana oder die Upanishaden erwähnen Nepal überhaupt nicht. Jedoch wird im Mahabharata das Land „Kiratadesa“ erwähnt. Möglicherweise bezieht sich dieser Name auf die Dynastie der Kirata, die von ca. 700 v. Chr. bis zur Ankunft der Licchavi im Kathmandu-Tal geherrscht haben soll. Dieses „Kiratadesa“ dürfte im östlichen Teil des Himalaya gelegen haben und ist der Überlieferung nach das Herkunftsgebiet der Kirata, die in drei aufeinanderfolgenden Einwanderungswellen das Kathmandu-Tal besiedelt haben sollen. Zweifellos sind die Newar, die das Kathmandu-Tal in früher historischer Zeit in ein kulturelles Zentrum verwandelten, direkte Erben dieser Kirata. Da die Kirata der Überlieferung nach aus dem östlichen Teil des Himalaya stammen, lassen sich auch körperliche und sprachliche Merkmale der Newar aus ihrer tibeto-birmanischen Herkunft erklären. Die Kultur der Newar jedoch lässt sich aus dieser Herkunft nicht ableiten. Als Ergebnis einer Vermischung späterer Einwanderer aus dem Subkontinent mit der Lokalbevölkerung stellt sich der Charakter der Newar-Kultur zutiefst indisch geprägt dar.

Dass allerdings Nepal bzw. das Kathmandu-Tal je ein Teil des Reiches des großen indischen Kaisers Ashoka (4. Jhd. v. Chr.) war, gehört in den Bereich der Legende. Gesichert ist jedoch der Besuch des buddhistischen Herrschers in Lumbini, dem Geburtsort des Religionsstifters im nepalischen Terai. Schon die chinesischen Pilger Fa-hsien (403 n. Chr.) und Hsüan-Tsang (636 n. Chr.) sollen in der Nähe von Lumbini eine steinerne Gedenksäule gefunden haben, die von Ashoka errichtet worden war. 1895 entdeckte dann der Archäologe Dr. Führer in einem Dickicht diese Steinsäule mit einer gut erhaltenen Inschrift. Diese bestätigt, dass Ashoka nach Lumbini kam, um sich an dem stillen Ort zu verneigen, denn „hier war Buddha Shakyamuni geboren worden“. Der Besuch Ashokas in Lumbini ist damit verbürgt. Dagegen scheint seine Reise nach Svayambhunath eine Legende zu sein, und ebenso wurden die sog. Ashoka-Stupas in Patan wohl nicht von ihm errichtet.